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Erfahrungsberichte

Wenn Dein Heim Dich bittet, Dich an die Heimaufsicht zu wenden…

Auf den Fotos bin ich mit meiner Mutter im Pflegeheim zu sehen. Das war am 16. Juni 2018. Wir hatten die extreme Grippewelle 2017/2018 problemlos überstanden. Alles war gut. Mutti hatte Geburtstag und mein Mann, mein Bruder und ich hatten an diesem Tag Muttis Zimmer im Heim geschmückt. Wir brachten Geschenke, Blumen und eine Torte mit.

Vom Heim aus hatte man meiner Mutter schon in einer lustigen Gruppe ein Ständchen gehalten und auch ein schönes Geschenk überreicht. An ihrer Tür hing ein schön geschmückter Festtagskranz. Uns als Besuchern wurde Kaffee angeboten und gebracht. Alle waren glücklich.

Im folgenden Jahr tobte der Norovirus durch das Haus. Auch den überstanden wir mit den entsprechenden Hygienemaßnahmen. Dass in einem Pflegeheim der Tod Dein naher Begleiter ist, weißt Du. Ich war jeden Tag, bald sogar zweimal täglich bei meiner Mutter und stand oft genug vor dem ausgelegten Trauerbuch und nahm schweigend Abschied von mir liebgewonnenen Mitbewohnern meiner Mutter. Ich las, auch ohne Corona sterben täglich in deutschen Pflegeheimen rund 900 Menschen. Bei einer Sterbezahl von über 900.000 jährlich in Deutschland eine absolut glaubwürdige Zahl.

Aber dann kam der Corona-Hype. Als in diesem Jahr, 2020, die Pandemie ausgerufen wurde, ging ich von Quarantänemaßnahmen von maximal 4 Wochen aus. Wir fliegen zum Mond, schicken Sonden und Satelliten ins All, erforschen die Meerestiefen, der klare Verstand sagte mir, es dauert eine Weile, bis die Maßnahmen greifen, aber dann geht das Leben weiter.

Stattdessen sind jetzt über 3 Monate vergangen und es wird immer noch an Massnahmen festgehalten, die jeder Logik entbehren. Unter der Prämisse „Wir retten Leben“ werden Menschenleben ruiniert, Existenzen zerstört, Kinder misshandelt, Frauen vergewaltigt und …

… und dann war da noch der Anruf gestern vom Pflegeheim, ich solle mich an die Heimaufsicht wenden. Um zu erreichen, kommenden Dienstag, den 16. Juni 2020, den 91. Geburtstag meiner Mutter im Heim wie ein Mensch feiern zu dürfen.

So weit ist es also schon. Wenn Dein Heim Dich bittet, Dich an die Heimaufsicht zu wenden, stimmt etwas nicht im Staate Dänemark, ist Holland in Not, glaubt Deutschland wieder blind an einen Führer?! Der WHO, RKI, Merkel oder Drosten heisst? Ja, habt ihr denn alle den Verstand verloren? 

Ich sagte zu der Pflegedienstleiterin, das mache ich nicht! Denn ich habe in den vergangenen Jahren dieses Heim schätzen und lieben gelernt und würde für jeden einzelnen der Angestellten meine Hand ins Feuer legen. Vorher hatte ich dort schriftlich angefragt, welche Möglichkeiten es gibt. Aber bislang gilt die Regel – und das Heim kann Ärger bekommen, richtig üblen Ärger, wenn es sich nicht daran hält! – dass nur eine einzige, festgelegte Person nach Terminvergabe zu Besuch darf. Mit Maske, Handschuhen, Aufsicht (! ) und Abstand.

Was auf u.s. Foto mal möglich war, ist jetzt verboten. Glücklich sein – Verboten!

Meine Mutter leidet an fortschreitender Demenz. Auf obigem Bild 2018 hatte sie „nur“ Pflegegrad 4. Seit Corona wurde es nötig, den Grad auf Pflegegrad 5 zu erhöhen. Jetzt bekommt wenigstens das Heim mehr Geld, Mutti hat nichts davon.

Wochenlang, als noch das totale Besuchsverbot herrschte, erfuhr ich bei jedem Anruf immer nur: „Ihre Mutter ist gut zufrieden. Alles wie gehabt.“ – Egal, welche Schwester ich jeweils an der Strippe hatte, egal, wann ich anrief, jedesmal original dieser Wortlaut. Bis ich dann am 7. Mai 2020 aus heiterem Himmel Post vom Heim erhielt, ich solle den Antrag auf Erhöhung des Pflegegrades stellen. „Da sich der Gesundheitszustand von Frau XXX erheblich verschlechtert hat.“ – Ist das die Definition von, „Ihre Mutter ist gut zufrieden. Alles wie gehabt.“ ?? – Immer noch durfte ich nicht zu ihr. Dafür bekommt das Heim jetzt mehr Geld. 

Am 21. Mai durfte ich erstmals wieder unter strengsten Auflagen (Maske, Handschuhe, zwei Meter Abstand, Aufpasser mit im Zimmer, es fehlten nur noch die Gitter vor den Fenstern) zu meiner Mutter aufs Zimmer. Für eine halbe Stunde mit Aufpasser. Meine Mutter kann mich auf die Entfernung gar nicht erkennen. Zu weit weg. Ich habe sie gefragt, was sie auf die Entfernung von mir erkennen kann: „Oben dunkel, in der Mitte hell, unten dunkel.“ Da wird einem doch warm ums Herz und unsere Kanzlerin macht lächelnd die Raute?!

Inzwischen ist meine Mutter nur noch Haut und Knochen. Und fragt mich: „Ich habe doch niemandem etwas getan?“ – Und sagte zu mir: „Es ist nicht schön, so isoliert zu sein.“ Letzteres, als ich erst noch nur von draußen durchs Fenster zu ihr reinbrüllen durfte. Wurde „Besuch“ genannt. Wo ich meine eigene Mutter kaum verstehen konnte. Und sie vor Wut mit der Faust auf die Bettdecke schlug, denn mit Demenz ist es schwer, sich verständlich zu machen. Es gibt lichte Momente, aber dazu kommt ja die Kraftlosigkeit eines multimorbiden, bald 90 Jahre alten, bettlägrigen Körpers. Meine Mutter hat nicht mehr die Stimme, die vier Meter weit trägt. Als ich ging, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Immerhin darf ich jetzt zweimal die Woche eine halbe Stunde auf ihr Zimmer.  Aber ich werde behandelt wie eine Lepra-Kranke. Obwohl ich nachweislich keine Symptome habe (selbst die WHO gestand ein, dass symptomfreie Menschen DOCH NICHT die sog. Superspreader sind!). Und vom ersten Tag alle Regeln einhalte, die ich deutlich besser kenne als die, die mich da so abwechselnd abholen. Aber ich werde bei diesen Besuchsterminen von meinem „Aufpasser“ durchs Haus geführt wie ein lebender Gefahrenguttransport. Als wäre ich verstrahlt, während die Bewohner und das Personal ohne Maske rumlaufen.

Egal. Menschlichkeit ist in Deutschland per Notstandsgesetz verboten, weshalb seit jetzt über 3 Monaten Pflegeheimbewohner eine Internierung erleiden, die völlig überzogen ist. 

Denn wenn es das Pflegepersonal schafft, Infektionen zu vermeiden, schaffen wir Angehörige das auch. Stattdessen hält man uns weiter unter Generalverdacht. Während das Pflegepersonal doch nach Feierabend genauso nach Hause geht, Einkaufen fährt, zum Friseur und ins Restaurant gehen darf wie jeder andere auch. Keine Logik dahinter, aber alle machen mit.

Was geschieht mit alten Menschen, die nur noch reglementiert, also viel zu wenig, auf Abstand, nur einen einzigen Besucher „zugeteilt“ bekommen? 

Ein einziger Besucher, der nicht einmal ein Lächeln mitbringen darf? Lächeln mit Maske geht nämlich nicht. Da kann man sich so viele Smileys, wie man will, auf seine Maske malen. Eine ungesalzene Suppe bleibt eine ungesalzene Suppe, auch wenn man in fröhlichen Farben „Gesalzen“ auf den Tellerrand malt. Für „Liebe“ gibt es keinen „Ersatzstoff“. Auch alte Menschen brauchen jemanden, der ihnen die Hand hält, der sie anlächelt und ihnen nahe ist! Und das können nur die eigenen Liebsten leisten, nicht das Personal.

Bei meinen Besuchen im Heim erlebe ich eine Entwicklung, die mir Angst macht. Inzwischen fordert mich eine meiner „Aufseherinnen“ auf, mir sogar die Handschuhe zu desinfizieren. 

Ich hätte am liebsten geweint. So weit ist es schon. Die gute Frau besteht nur noch aus Angst. Desinfiziert erst ihre Hände. Zieht dann Handschuhe an. Und desinfiziert dann ihre Handschuhe. Ich habe ihr dabei zugesehen. Sie macht dabei vieles falsch. Schüttet nur etwas von dem Desinfektionsmittel in die Hand, rubbelt kurz und das wars. Packt dann womöglich noch mit der „desinfizierten“ Hand in die eigene Tasche und nimmt dann die Handschuhe aus der Packung. Und wieder „etwas Desinfektionsmittel“ in die Handschuhhand. Wieder keine 2 Sekunden rubbeln. Das hat mit Desinfektion nichts zu tun. Aber mit Paranoia.

Und sie ist diejenige, die nach meinem Besuch dafür zuständig ist, dass Zimmer meiner Mutter zu desinfizieren. Die neue Form von Keim-Sharing. Werden hier neue Krankheiten gezüchtet, wo sich später die Pharmaindustrie die Hände reibt? Während alle Heimbewohner für ihr Kaspar-Hauser-Syndrom ja zusätzliche Tabletten bekommen können? 

„Diese Massnahmen retten Leben.“ – Massnahmen, die dazu geführt haben, dass viele Heimbewohner jetzt „sediert“ werden. In einem Forum, in dem ich Mitglied bin, fragte eine Pflegekraft an, ob es eine rechtliche Grauzone sei, den Bewohnern nachts Schlafmittel zu geben?

Weil sie sonst nicht mehr ruhig zu halten sind. Dieser Pfleger bat um Absolution für sein Vorhaben. Schlafmittel aus Notwehr wegen Corona. Kein Einzelfall. Jedes Medikament darf aber nur mit Genehmigung des Bewohners bzw. seines Bevollmächtigen/Betreuers gegeben werden. Zu Corona-Zeiten egal. Jeder ist sich selbst der Nächste. Irreversible Schäden sind vorprogrammiert, denn ein alter Körper steckt diese Mittel nicht weg, wie ein junger Mensch. Zwar handelt es sich um einen Straftatbestand, ist Körperverletzung. Egal, „diese Maßnahmen retten Leben.“ Passt doch prima zu unserem neuen „Wir müssen alle Opfer bringen!“. 

Meine Mutter erzählte mir, dass ihr Zimmernachbar inzwischen jede Nacht laute Selbstgespräche führt. Sie kauderwelschte zwar stark, aber es war unmissverständlich, dass sie in Angst und Sorge um ihn ist. So weit ist es also schon: Diesen Mann habe ich die letzten Jahre gut kennengelernt. Ein lieber, charmanter Herr, der eine unübersehbare Neigung hat, zu leiden. Immer in Sorge, was für eine Krankheit das nun wieder sein könne. Von einer Grundtraurigkeit beseelt. Aber pro Woche kam mindestens fünfmal sein Neffe zu Besuch. Ein feiner Kerl, den ich genauso schätzen lernte. Und nach jedem dieser Besuche war „sein Onkel“ erstmal wie ausgewechselt! Der Placebo-Effekt der Liebe! Da hilft kein Aspirin.

Zu erleben, wie dieser alte Mann nach solchen Besuchen immer erstmal strahlte, auflebte und scherzte. Er war einfach glücklich! Was ihm nun genommen wurde. Wird er jetzt demnächst auch aus Notwehr oder „zu seinem Besten“ sediert, medikamentiert, „wir wollen ja nur Euer Bestes!“. Wieso darf niemand mehr selbst entscheiden, was sein Bestes ist? 

Ein Leben in einem Pflegeheim ist schon nicht einfach. Meine Mutter hat mir schon vor Jahren gesagt: „Es ist nicht schön, alt zu werden.“ – Da glaubte ich ihr noch nicht. Inzwischen stimme ich ihr aus ganzem Herzen zu. Denn nur die wenigsten haben ein Herz für die Alten. Es gibt auch genug Angehörige, die sich nicht kümmern. Einige wollen nicht. Andere können nicht. Aber wie können so viele dabei vergessen, dass sie selber einmal alt werden?

Nächsten Dienstag kann ich meiner Mutter vom Bettende zu winken. Dann sind es 13 Wochen, ohne dass ich ihre Hand halten durfte. Das ist fast nicht so schlimm wie die Tatsache, dass sich kaum ein Schwein dran stört. Alte Menschen sind keinen #Aufschrei wert.

Erfahrungsbericht von: Aggi Dunkel